»Das Ziel rechtfertigt alle Mittel«

Das sagte Dr. John Cutler einmal zu einem Kollegen, als der ihn auf seine Arbeit in Guatemala ansprach. Erst jetzt kommt es zu einer juristischen Aufarbeitung seiner Taten. Neben einem Pharmariesen müssen sich auch eine renommierte Klinik und eine bekannte Stiftung vor Gericht verantworten. Er selbst starb 2003 – hochdekoriert und weitgehend unbehelligt.

Cutler’s Name ist untrennbar mit der sogenannten Tuskegee-Syphilis-Studie (deutsche Wikipedia,  ausführlicher ist die englische Version) verbunden. Tuskegee, eine kleine Stadt im ländlichen Alabama, wird vorwiegend von Afroamerikanern bewohnt. 1932 wurde dort unter Leitung des US Public Health Service eine „Beobachtungsstudie“ zum natürlichen Verlauf der Syphilis begonnen. Im Lauf der Zeit wurden 399 erkrankte afroamerikanische Männer eingeschlossen. Statt einer Diagnose sagte man den Betroffenen, sie hätten „bad blood“, und bot ihnen regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen und warme Mahlzeiten an. Mit der Entwicklung der Antibiotika standen spätestens seit den 40er-Jahren wirksame Therapeutika zur Verfügung, über die man die Studienteilnehmer jedoch nicht informierte. So ging das Treiben weiter, satte 40 Jahre lang!, bis ein engagierter Whistleblower aus dem Public Health Service und die Medien den Skandal 1972 aufdeckten.

John Cutler kam erst in den 60er-Jahren zur Tuskegee-Studie. Und bis vor einigen Jahren galt sie auch als der schwärzeste Fleck in seiner Biographie. 2009 entdeckte dann eine Historikerin, die eigentlich zu Tuskegee recherchierte, eine unveröffentlichte Abhandlung von Cutler in den Archiven der University of Pittsburg. Sie trug den Titel Inoculation Syphilis – und genau darum ging es: Um das »Einimpfen“ von Syphilis. Cutler hatte zwischen 1946 und 1948 mindestens 1.300 Guatemalteken aktiv mit Syphilis infiziert. Darunter waren besonders viele Prostituierte und Behinderte, aber auch Minderjährige und Soldaten. Man wollte medikamentöse Therapien an ihnen untersuchen. Da man sie weitgehend im Unklaren darüber ließ, was mit ihnen geschah, gaben sie die Infektion weiter. Ganze Familien sind über Generationen hinweg betroffen. 2012 übertitelte Die Zeit ihren sehr lesenswerten Artikel mit „Das Experiment eines Sadisten“. Ob diese Zuschreibung zutrifft oder nicht, Cutler war offenbar besessen von der Erkrankung bzw. dem Kampf gegen sie. Er hielt alle Mittel für erlaubt und war sich auch später keiner Schuld bewusst. Seine Frau Eliese unterstützte ihn in dieser Haltung. Sie begleitete ihn auf seinen Stationen und fotografierte die Erkrankten. Und trug so entscheidend dazu bei, seine (Un)Taten zu dokumentieren.

Die juristische Aufarbeitung kommt erst jetzt richtig in Gang. Nachdem geklärt ist, dass US Gerichte auch für die Taten in Guatemala zuständig sein, wurden weitere Beteiligte auf Schadenersatz in Höhe von 1 Milliarde Dollar verklagt. Neben dem Pharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb, damals Lieferant der Medikamente, sind das die renommierte Johns Hopkins Universität und die Rockefeller Stiftung.

Ein Youtube-Video fasst alle Geschehnisse rund um die Person John Cutler noch einmal zusammen. Hierin findet sich auch ein kurzer Interview-Ausschnitt mit ihm.

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