Betrug! Der Fall Macchiarini

Wissenschaftsbetrug kann für Patienten tödlich enden, wie der Fall von Paolo Macchiarini zeigt. Neben dem Betrüger selbst gibt es aber noch andere Schuldige in diesem tragischen Fall.

Alles begann mit einer Sensation: 2011 verkündete der Arzt Paolo Macchiarini im Lancet, er habe eine Methode entwickelt, Patienten künstliche, mit Stammzellen besiedelte Luftröhren einzupflanzen. Bis dato war man in solchen Fällen auf Spenderorgane angewiesen. Luftröhrenkrebs, der häufigste Grund für eine solche OP, ist zwar eine vergleichsweise seltene Erkrankung, aber die Methode an sich wurde als wegweisend angesehen, auch für andere Krankheitsbilder.

Während Macchiarini in der Folge schnell zum Star der regenerativen Chirurgie aufstieg, mit Beiträgen u. a. in der New York Times, gab es andernorts erste irritierende Berichte. 2012 wurde er in Italien verhaftet, weil er Patienten angeboten haben soll, sie gegen Bezahlung bei der Transplantation vorzuziehen. Zweifel an seiner wissenschaftlichen Reputation wurden dann erstmals 2013 laut. Der Chirurg Karl-Henrik Grinnemo, der mit Macchiarini zusammengearbeitet hatte, entdeckte, dass die Implantate – anders als von ihm behauptet – nicht zuvor in Tierversuchen getestet worden waren. Außerdem lag kein Ethikvotum für die Versuche am Menschen vor. Macchiarini argumentierte, es habe sich um „Heilversuche“ und nicht um klinische Forschung gehandelt.

Brisanz erhielt der Fall zusätzlich dadurch, dass Macchiarini am Karolinska-Institut in Stockholm tätig war, eine Klinik mit weltweitem Renommée, die auch alljährlich den Medizin-Nobelpreis vergibt. Man gab Gutachten in Auftrag, beließ Macchiarini aber weiter in seiner Position. Ein fataler Fehler. Erst nach einem Beitrag im schwedischen Fernsehen wurden endlich Konsequenzen gezogen. Anders Hamstén, der Leiter des Karolinska Instituts, und Urban Lendahl, Generalsekretär der Nobelversammlung, traten zurück. Auch Macchiarini selbst wurde – endlich!, möchte man sagen – entlassen. Eine internationale Expertenkommission (ein Interview mit dem deutschen Gutachter Prof. Dr. Detlev Ganten finden sie hier) kam jüngst zu dem Schluss, dass sämtliche Artikel über den Erfolg der Luftröhren-Transplantationen sollten zurückgezogen werden sollten, weil sie gefälschte Forschungsdaten enthalten.

Dieser krasse Fall von Wissenschaftsbetrug kennt viele Opfer, aber vor allem jene 8 mit der Methode behandelten Personen. 7 von ihnen sind bereits verstorben, die letzte in diesem Frühjahr. Ein Patient überlebte, vermutlich weil ihm das Implantat aufgrund von Komplikationen frühzeitig wieder entfernt wurde. Sie sollten eine Warnung sein, dass Betrug in der Medizin Menschenleben kosten kann, und alle wachsam sein sollten, ihn frühzeitig zu entdecken und konsequent zu ahnden.

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